Wenn Eltern der Verlust des

Sorgerechts droht 08/05

Kein Pardon für Christen: Zu Gast bei den Paderborner Schulverweigerern

In vielen Medien werden sie als „christliche Fundamentalisten“ tituliert – die Aussiedler, die in den Kreisen Paderborn und Gütersloh ihre Kinder aus Glaubensgründen von der Grundschule genommen haben und sie zu Hause unterrichten. Der Staat reagiert mit ungewohnter Schärfe: Eltern werden ins Gefängnis gesteckt oder verlieren einen Teil ihres Sorgerechts. Wer sind die Eltern wirklich? idea-Redakteur Klaus Rösler hat sie besucht. Hier eine Kurzfassung seines Berichts, der aktuell im ideaPressedienst und in Kürze im Wochenmagazin ideaSpektrum erscheint. Ein zweistöckiges Haus etwas außerhalb von Paderborn: Auf der Wiese und im Hof spielen Kinder. „Bin ich hier richtig bei der christlichen Hausschule?“ will ich wissen. Die Kinder nicken. Schon stehen der Hausherr Johann und sein Freund Georg neben mir und bitten mich herein. Eigentlich geben sie keine Interviews, weil sie erlebt haben, daß Journalisten ihnen die Worte im Mund verdrehen. Für idea machen sie eine Ausnahme. Die Väter bitten mich, nicht ihre vollen Namen zu erwähnen, auch nicht die Adresse - wegen der älteren Kinder, die an öffentlichen Schulen unterrichtet werden. Ihnen soll das Leben nicht noch schwerer gemacht werden. Stärker bedrängt als im Kommunismus Schließlich sind drei betroffene Väter im Wohnzimmer versammelt, das sich über die ganze Länge des Erdgeschosses erstreckt; die Mütter stoßen später hinzu. Die Familie braucht so viel Platz, erläutert Hausherr Johann. Der 44jährige ist Vater von zwölf Kindern. Nur die beiden jüngsten werden zu Hause unterrichtet. Gekommen ist auch Georg. Der 41jährige Betriebselektriker hat acht Kinder, von denen ebenfalls zwei zu Hause beschult werden. Vor wenigen Tagen hat eine Familienrichterin den Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kinder entzogen. Wenn nach den Ferien der Unterricht beginnt, kommen Vertreter des Jugendamtes und die Polizei, um dafür zu sorgen, daß die Kinder wieder zur Schule gehen. „Wir werden uns aber unsere Kinder nicht wegnehmen lassen“, sagen beide. Inzwischen ist das Verfahren neu aufgerollt worden. Ob das Urteil bestätigt wird, steht noch nicht fest. Dritter im Bund ist Peter. Er hat drei Kinder, die alle in der eigenen Wohnung unterrichtet werden. Alle Familien sind Evangeliumschristen-Baptisten, die Anfang der 90er Jahre aus der Sowjetunion gekommen sind. „Wir dachten, wir kämen aus einem atheistischen in ein christliches Land“, sagen sie. Sie haben sich getäuscht. Daß sie jetzt stärker bedrängt werden als im Kommunismus, empfinden sie als Glaubensprüfung. Phantasiereisen Die Väter erzählen, warum sie ihre Kinder zu Hause unterrichten. Vor allem zwei Dinge stoßen ihnen bitter auf: esoterische Beeinflussung und Sexualkunde. Für esoterisch halten die Eltern die an Grundschulen beliebten „Phantasiereisen“. Die Kinder legen sich auf den Boden, um sich zur Musik zu entspannen und sich etwas Schönes vorzustellen. Ein Mittel, um eine aufgedrehte Klasse zur Ruhe zu bringen. „Das ist doch Okkultismus“, meint Georg. Eine seiner Töchter sei dabei „weggetreten“. Sie habe Visionen gehabt, die dem christlichen Glauben zuwiderlaufen. Paul, der Sohn aus der Familie von Johann, hatte auch Angst vor diesen okkulten Phantasiereisen. Sein Vater sprach deshalb mit dem Lehrer. Tatsächlich bekam er die Erlaubnis, daß sein Sohn nicht teilzunehmen brauchte. Er mußte jedoch im Klassenraum bleiben. Das belastete sein Gewissen. Die Eltern suchten Kontakt zum Schulamt. Doch sie erfuhren: Phantasiereisen sind Pflicht, auch wenn sie gegen die religiöse Überzeugung der Familie verstoßen. Schließlich ermutigten die Eltern ihre Kinder, den Unterricht zu verlassen, wenn die Stilleübungen dran sind. Doch dadurch fühlten sich offenbar die Lehrer in ihrer Autorität angegriffen. Die Kinder bekamen Ärger. Sexualkundeunterricht Noch entscheidender ist aber der Sexualkundeunterricht. Nein, verklemmt seien sie nicht, sagen die Eltern. Aber Aufklärung sei Elternrecht und nicht das Recht der Schule. Vater und Mutter wüßten am besten, wann es dran sei, mit ihrem Kind darüber zu reden, was es mit der Liebe zwischen Ehemann und Ehefrau auf sich hat. Als Christen könnten sie nicht akzeptieren, wie in Paderborn angeblich geschehen, daß schon Drittklässer den Gebrauch von Kondomen am Holzpenis üben oder Viertklässler ermutigt werden, sich selbst zu befriedigen. Später hätten die Kinder über ihre Masturbationserfahrungen vor versammelter Klasse erzählen sollen. Der Vater kann nicht verstehen, daß er der einzige war, der sich für die Inhalte der Sexualkunde interessiert habe. Nur widerstrebend sei ihm das Unterrichtsmaterial zur Kenntnis gegeben worden. Die Bilder habe er als abscheulich empfunden. Für Johann stand fest: „Keines meiner Kinder setze ich noch einmal einer solchen Beeinflussung aus.“ Wie geht es weiter? Wie geht es nun weiter? Längst beharren die Eltern nicht mehr darauf, ihre Kinder nur privat zu unterrichten. Möglich wäre auch die Gründung einer staatlich anerkannten christlichen Privatschule. Ein schneller Ausweg wäre es, die Kinder zur ebenfalls von Aussiedlern getragenen Freien Evangelischen Schule nach Detmold zu schicken. Doch 35 Kilometer seien für ein sechsjähriges Kind doch etwas weit. Derzeit konzentrieren sich die Eltern darauf, mit Hilfe des Interessensverbands „Schulunterricht zu Hause“ (Dreieich bei Frankfurt am Main) ihre juristischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Denn daß sie das Sorgerecht verlieren, werden sie nicht hinnehmen. Wären sie bereit, nach Kanada oder Österreich umzuziehen, wo Hausschulen vom Gesetzgeber erlaubt sind? Kanada ist keine Option, Österreich vielleicht. Alle drei Väter zeigen ungebrochene Glaubenszuversicht: „Unsere Hoffnung ist Gott.“ Sie verweisen auf Erfahrungen in der sowjetischen Diktatur. Deutschland – das ist für sie das Land der Glaubensprüfungen: „Wir leben in der Endzeit.“